Teil II: Leseverstehen / Texte
4. Mein Vater, der Pflegefall
Andere Väter helfen ihren Kindern beim Umzug oder beim Ausfüllen von Formularen, mein Vater allerdings[i] ist dement und pflegebedürftig[ii]. Aber im Umgang[iii] mit ihm habe ich mehr gelernt als in meinem Studium.
EIN LESERARTIKEL VON MARION EINSIEDLER
Hallo, ich bin Marion, studiere Medizin in München und unterrichte neben meinem Studium an der Uni. In meiner Freizeit tanze ich Ballett. Mein Vater ist Personalchef in einer großen Firma. Guter Job, hohes Ansehen[iv]. Er ist ein stolzer Mann, der seine Tochter gern präsentiert...
… Schön wäre es! … Ich studiere zwar tatsächlich[v], habe mir aber einen sozialwissenschaftlichen Masterstudiengang ausgesucht, der mich direkt in die Arbeitslosigkeit führen wird. Meine Jobperspektiven sind sehr schlecht. Ballett tanze ich seit vier Jahren nicht mehr. Ich unterrichte auch nicht an der Uni, sondern arbeite als Aushilfssekretärin in einem kleinen Unternehmen[vi], um Geld zu verdienen. Das ist meine Realität.
Auch das, was ich über meinen Vater gesagt habe, stimmt nicht. Er ist in Wirklichkeit dement und wohnt, mit 58 Jahren, in einem Pflegeheim[vii] in Baden-Württemberg, wo er sich ein 14 Quadratmeter großes Zweibettzimmer mit einem 93-jährigen Alzheimerpatienten teilt. Vor drei Jahren hat er in Folge einer MS (Multiple Sklerose)-Erkrankung sein Auto völlig kaputt gefahren. Totalschaden[viii]. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Er kümmert sich liebevoll um die anderen Heimbewohner, die im Durchschnitt[ix] 30 Jahre älter sind als er.
Während andere Väter ihren studierenden Kindern bei verschiedenen alltäglichen Dingen oder beim Umzug helfen, habe ich für ihn Anträge auf eine Betreuung ausgefüllt. Ich habe seine Waschmaschine verkauft und seine Schränke ausgeräumt. Ich schiebe[x] ihn im Rollstuhl über den Waldweg, den er unbedingt entlanggefahren werden möchte.
"I am out of order", sagt er plötzlich eines Sonntags, als ich ihn wieder einmal im Rollstuhl spazieren fahre. Ich freute mich, dass er noch Englisch konnte und war gleichzeitig überrascht über seine Worte. Während mir dieser Satz monatelang nicht mehr aus dem Kopf ging, lachte mich mein Vater schon fünf Minuten später an, weil die Sonnenstrahlen so schön durch die Bäume schienen[xi]. Später saßen wir noch zusammen auf der Terrasse des Heims. Ich trank einen Cappuccino, während mein Vater aus seiner Studentenzeit erzählte. Ich genoss[xii] es, seinen Geschichten zu lauschen[xiii] und lehnte[xiv] mich zum ersten Mal seit langer Zeit entspannt zurück.
Durch seine Krankheit und den Unfall hat sich das Verhältnis[xv] zu meinem Vater verändert. Es ist ein Verhältnis, das viele meiner Kommilitonen zunächst nicht verstehen können und vielleicht nicht verstehen wollen. Nachdem es mich lange Zeit belastet[xvi] und mein Studium erschwert hat, habe ich inzwischen[xvii] meinen Platz zwischen Pflegeheim und Uni, zwischen Nebenjob und Behörden[xviii] gefunden. Ich habe akzeptiert, dass ich für meinen Vater nicht mehr nur Studentin und Tochter, sondern auch Freundin, Betreuerin und Managerin bin.
Bei meiner Abiturfeier[xix] verabschiedete sich der Schuldirektor mit folgenden Worten: "Denkt daran: Ihr lernt nicht für die Schule oder die Universität, sondern fürs Leben." Damals fand ich diesen Spruch[xx] weder originell noch hatte er für mich eine tiefere Bedeutung. Heute würde ich ihm bedingungslos[xxi] zustimmen.
Oft frage ich mich, wie viel Wissen ich im Laufe meines Studiums tatsächlich erworben[xxii] habe und ob mir das zu einem Job verhelfen wird. Die Kompetenzen, die ich im Umgang mit meinem Vater, seinen Krankheiten und den Behörden bekommen habe, haben mein Leben aber ohne Frage bereichert[xxiii]. Jedes Lächeln, jeder Händedruck meines Vaters zeigen mir, dass die Zeit in Hörsälen[xxiv] und Seminarräumen nur ein Teil der Erfahrungen ist, die ich während meiner Studentenzeit gemacht habe. Und dieser Teil ist vermutlich[xxv] nicht der bedeutendste.
Dieser Text ist Teil der Serie "Studenten und Eltern". Uns interessiert: Wie erleben unsere Leser ihren Auszug beziehungsweise den ihrer Kinder? Welche Probleme gibt es, welche schönen Erlebnisse?
Textzusammenfassung:
Setzen Sie folgende Wörter in der richtigen Form in die Lücken ein:
schieben - Erfahrung - Umgang - genießen - Unternehmen - pflegebedürftig - Belastung - erledigen
Die Studentin Marion berichtet über den mit ihrem dementen Vater. Sie hat einen Nebenjob in einem kleinen . Allerdings muss sie sich auch noch um ihren Vater kümmern, der ist. Marion muss viel für ihren Vater , zum Beispiel Formulare ausfüllen. Außerdem sie ihn oft im Rollstuhl spazieren. Die Zeit mit ihm ist zwar anstrengend, aber sie es auch, mit ihm zusammen zu sein. Anfangs war für sie die sehr groß, inzwischen hat sie sich an ihren Alltag gewöhnt. Sie ist der Meinung, dass sie durch die Pflege ihres Vaters eine sehr wichtige gemacht hat.
[i] allerdings: Syn. aber, jedoch
[ii] pflegebedürftig: eine Person, die Pflege braucht; Kompositum aus: Pflege / bedürftig;
bedürfen + Gen: Syn. brauchen; z.B.: Die Firma bedarf neuer Mitarbeiter ;
Bedarf: Die Firma hat einen hohen Bedarf an Personal;
[iii] Umgang; hier: Kontakt; auch: die Art und Weise, wie man jdn. od. etw. behandelt; z.B. Ich muss den Umgang mit dem Computer noch lernen.
umgehen mit Syn. jdn. od. etw. irgendwie behandeln: z.B. Der Chef geht freundlich mit den Kollegen um.
[iv] Ansehen: hier: Syn. Reputation; z.B: Der Präsident genießthohes Ansehen.
[v] tatsächlich: Syn.:wirklich
[vi] Unternehmen: Syn: Firma
[vii] Pflegeheim: Pflege + Heim: Ort, wo Pflegebedürftige leben und betreut werden
[viii] Totalschaden: total + Schaden: etw. ist kaputt; Adj.: beschädigt: z.B.: Das Auto ist durch den Unfall beschädigt.
[ix] Im Durchschnitt: Durchschnitt: der Mittelwert; der Betrag, den man bekommt, wenn man etw. addiert und durch die Anzahl der Beträge dividiert; Adj. durchschnittlich
[x] schieben, schob, geschoben:etw. Durch Drücken vorwärts bewegen
[xi] schien: Präteritum von scheinen
[xii] genoss: Präteritum von genießen: an einer Sache Freude, Spaß haben; Nomen: r Genuss
[xiii] lauschen: etw. aufmerksam, konzentriert hören;
[xiv] (sich) lehnen: z.B. Er lehnt das Fahrrad an die Hauswand. = Er stellt das Fahrrad schräg an die Hauswand.
[xv] Verhältnis -se: Beziehung zu etw. od. jdm.
[xvi] belasten: etw. ist sehr schwer für jdn. od. etw.; z.B. Die Probleme belasten mich. oder: Nach der Operation darf er sein Knie nicht belasten. Nomen: e Belastung-en. z.B. Der Stress ist für mich eine Belastung.
Gegenteil: Entlastung. z.B.: Durch den neuen Kollegen bekomme ich bei der Büroarbeit Entlastung.
[xvii] inzwischen: nach einer gewissen Zeit; z.B. Ich lerne jetzt 5 Monate und inzwischen spreche ich ganz gut.
[xviii] Behörde -n: Syn: s Amt - „er
[xix] Abiturfeier -n: s Abitur = Schulabschluss nach dem Gymnasium + e Feier -n
[xx] Spruch -“e: ein Satz, den man sich leicht merken kann und der eine Lebensregel ausdrückt
[xxi] bedingungslos: Syn. uneingeschränkt, ohne Einschränkung; z..B.: Der Hund liebt seinen Menschen bedingungslos, egal was passiert.
[xxii] erwerben, erwarb, erworben: etw. durch aktives Tun bekommen; z.B. Sie hat in ihrem Studium viel Wissen erworben. etw. kaufen; z.B. Ich habe ein neues Auto erworben. Nomen: r Erwerb; e Erwerbstätigkeit = Arbeit;
[xxiii] bereichern: reicher an etw. machen; z.B: Die Freundschaft hat mein Leben bereichert.
[xxiv] Hörsaal, e Hörsäle: ein großer Raum für Vorlesungen in der Universität;
[xxv] vermutlich: Syn. wahrscheinlich; Verb: vermuten